Predigt „Es ist genug.“ (1. Könige 19,4) von Prof. Dr. med. Dr. h. c. (Univ. Riga, Lettland) Manfred Wolfersdorf

Liebe Gemeinde,

ich habe heute die Ehre, die Reihe der „Akademischen Gottesdienste“ hier in der Spitalkirche zu eröffnen. Die Kirchengemeinde der Stadtkirche Bayreuth hat in Zusammenarbeit mit der Initiative „Gemeinsam gegen Depression“, vertreten hier durch Frau Trautmann-Janovsky, Herrn Dr. Jürgen Wolff, Herrn Bertram de Fallois, Herrn Kai Uffmann und mich, als diesjähriges Thema „Depression und Theologie“ gewählt. Ich habe nun die Ehre und Freude, diese Reihe mit einem Beitrag aus Sicht des Psychiaters und Psychotherapeuten zu eröffnen.

Dabei bitte ich um Nachsicht, wenn ich im Rahmen dieses Gottesdienstes – denn darum sind wir hier – klinische Psychiatrie und Glaubenserfahrungen, wie sie mir von depressiv kranken Menschen berichtet wurden, Daten aus der klinischen Wissenschaft und persönliches Erleben, Psychopathologie und Geschichte der Depression versuche zusammenzubringen.

Die Geschichte der Depression geht sehr weit zurück. In der griechischen Antike wurden depressiv kranke Menschen als „Melancholiker“ (vom griechischen Melancholia = Schwarzgalligkeit) bezeichnet. Der Melancholie-Begriff geht auf die Vier-Säftelehre zurück. Die Ärzteschule des Hippokrates hat gesichert im Corpus hippocraticum die Depression klar beschrieben, Aretäus von Kappadokien hat vor über 2000 Jahren bereits Depression und Traurigkeit im Zusammenhang mit Verlust- und Trennungserfahrungen und auch die Heilung eines depressiven Zustandsbildes durch die liebevolle Zuwendung einer geliebten Frau an den depressiven Partner geschildert. Verluste erzeugen Angst vor der Leere, vor der völligen Objektlosigkeit, das heißt dem Fehlen eines direkten Bezuges und konfrontieren mit tiefem Schmerz und abgrundtief erlebter Trauer.

Unter den sogenannten Wüstenvätern, insbesondere bei Evagrios Pontikos (etwa 345 – 399) war die Akedia als geistliche Lehre vom Überdruss bekannt und als schuldhafte Verweigerung dem Leben gegenüber lange Zeit negativ besetzt. Im Mittelalter wurde der theologisch beeinflusste Begriff der Akedia als selbstverschuldete Trägheit verstanden, in der Renaissance wurde von Mystikern für bestimmte religiöse Menschen die Bezeichnung „Dunkle Nacht“ gewählt.

Eine wunderschöne Beschreibung von Depression und damit eine messerscharfe Beobachtung hat die große Mystikerin des Mittelalters, die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179) in ihrem Buch „Cause et curae“, also über die Ursachen und die Behandlung von Krankheiten, vorgelegt und damit erstmals geschlechtsspezifische Aspekte in die Beschreibung der Melancholie, heute Depression genannt, eingeführt. Sie hat so die erste differenzierte Beschreibung eines psychischen Krankheitsbildes, hier der Depression, hinsichtlich ihrer geschlechtsspezifischen Unterschiede benannt. Die Entstehung der „Schwarzen Galle“ im menschlichen Körper, sieht Hildegard von Bingen aber im Zusammenhang mit dem biblischen Sündenfall Adams und hat damit ein ebenfalls eindeutig geschlechtsbezogenes Konzept der Verursachung: „Als Adam das Gebot übertreten hatte, wurde der Glanz der Unschuld in ihm verdunkelt, seine Augen, die vorher das Himmlische sahen, wurden ausgelöscht, die Galle in Bitterkeit verkehrt, die Schwarzgalle in die Finsternis der Gottlosigkeit und er selbst völlig in eine andere Art umgewandelt. Da befiel Traurigkeit seine Seele und diese suchte bald nach einer Entschuldigung dafür im Zorn. Denn aus der Traurigkeit wird der Zorn geboren, woher auch die Menschen von ihrem Stammvater her die Traurigkeit, den Zorn und was ihnen sonst noch Schaden bringt überkommen haben“.

In der Neuzeit bürgerte sich die Bezeichnung „Schwermut“ ein, bis sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und am Übergang zum 20. Jahrhundert der Ausdruck „Depression“ durchsetzte. Heute sprechen wir von „affektiven Störungen“ und meinen damit die Erkrankungen des Gemütes, keine Geisteskrankheit wie die Schizophrenie, sondern eine Erkrankung, die sich schwerpunktmäßig mit der Kernsymptomatik Niedergeschlagenheit, depressive Herabgestimmtheit und Freudlosigkeit sowie Antriebshemmung, das Nichtkönnen trotz Wollen, auszeichnet. Die depressive Erkrankung wird heute als eine funktionelle Hirnstörung vor dem Hintergrund eines „bio-psycho-sozialen Modells“ verstanden, wobei die negative Besetzung des Depressionsbegriffes vielfach durch den Begriff des Burnout ersetzt wird. Dabei ist Burnout im klassischen Sinne eine emotionale Erschöpfung im Gefolge von Arbeitsbedingungen und Persönlichkeitsanspruch und damit Teil der Entwicklung in eine sogenannte Erschöpfungsdepression.

Wir gehen heute also bezüglich der Ursachen depressiver Erkrankungen von einem sogenannten bio-psycho-sozialen Modell (Engel 1976) aus, wobei ich gemeinsam mit Professor Dr. Daniel Hell, ehemals Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Zürich, bei der Depression die „Person“ ins Zentrum stelle und „Depression ist das Ringen einer Person um ihr Gleichgewicht“ verstehen möchte. Person meint mehr als das genannte bio-psycho-soziale Modell, tatsächlich kann die Person nicht als Einzelwesen gedacht werden sondern setzt andere Personen für ihre Entwicklung voraus. Ein Martin Buber (1962) sagt: „Ich werde am Du“, so gilt das für die personale Entwicklung in der frühen Kindheit und Biographie eines Menschen wie wohl auch für die Menschheits­entwicklung generell. Subjektivität, das heißt das Bewusstsein als Person setzt eine primäre Intersubjektivität voraus. Der Philosoph Spaemann (1996) hat in seinem Buch „Personen“ den interessanten Gedanken geäußert, es sei kein Zufall, dass der Person-Begriff aus der Auseinandersetzung mit der christlichen Trinitätslehre entstanden ist. Dort habe er als Erklärung dafür gedient, dass Gott mehrere Realisierungen sprich Personen umfassen kann und doch eine Einheit sei. Die Person setzt ein Angesprochenwerden und Antworten voraus, sie ist in aller Einmaligkeit und einzigartigen Selbstgehörigkeit immer auf andere bezogen (Hell 2012).

Zur „Person“ gehört nicht nur ein bio-psycho-soziales Verständnis des körperlichen und psychischen (im psychiatrischen Sinne gemeint) Bereiches, sondern auch das was man unter Spiritualität versteht. So ist die Depression für viele Menschen, insbesondere für gläubige Menschen immer auch eine „spirituelle Krise“, die hier Fragen stellt und Antworten verlangt.

Fragen wir heute nach Ursachen depressiver Erkrankungen, so stellt sich immer die Frage nach der subjektiven Lebensgeschichte eines Menschen, nach seiner Biographie in einem vertieften Verständnis, die Frage nach gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Einbettung der eigenen Entwicklung in einem jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen, z. B. unter den Anforderungen der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, der hohen Anforderung von Mobilität, der Arbeitsplatzunsicherheit, der Mehrfachbelastungen und des erhöhten Leistungsdruckes. Und natürlich stellt sich auch die Frage nach der Biologie des Menschen, wobei wir aktuell im wissenschaftlichen Bereich unter dem Stichwort „personalisierte Medizin“ in ein Jahrzehnt der Genomik, das heißt der Lehre von den genetischen Ursachen, hineinrutschen.

Wie werden „Personen“ nun solche, die ein erhöhtes Risiko zu einer depressiven Erkrankung bei entsprechenden Auslösern und Belastungen aufweisen? Rein leistungsorientierte Erziehungsstile, in denen elterliche oder andere Formen von Zuwendung von Leistung abhängig sind, Erziehungsstile bei denen Aggression, also eigene Wünsche und eigene Grenzen aufzeigen zu dürfen, mit Destruktivität gleichgesetzt und verurteilt wird, Erziehungsstile bei denen nicht das Selbstwertgefühl und die Autonomie eines Kindes und Jugendlichen gefördert werden, sondern in denen Abhängigkeit, negative Kritik und fehlende Wertschätzung als Person um ihrer selbst willen im Vordergrund stehen, Erziehungsstile, bei denen das Eingebettetsein eines Menschen in Beziehungen, auch vor einem spirituellen Hintergrund als Eingebettetsein in ein gottbezogenes Selbstverständnis, solche Erziehungsstile führen, hier grob formuliert, zu einem Typus von Menschen, der mit einer erhöhten Anfälligkeit für Depressivität, für Erschöpftheit, für depressive Krisen bei Trauer, Verlust, Verlassenwerden, bei Überbelastung, bei körperlicher Erkrankung oder auch bei Verlust der sozialen Wertschätzung und Einbettung depressiv reagieren.

Sieht man sich die epidemiologischen Zahlen der letzten Jahrzehnte an, so gehen wir heute von 4 – 5 Millionen depressiv kranken erwachsenen Menschen im vergangenen Jahr aus. Der erste Gesundheitsreport Ende des letzten Jahrhunderts, der auch psychische Erkrankungen gezeigt hat, hat eine Prävalenz, das heißt eine Häufigkeit von Depressionen in der Allgemeinbevölkerung pro Jahr von etwa 8,6 auf hundert erwachsene Menschen gezeigt. 

Während in früheren Jahren Depression psychodynamisch-psychologisch aus psychoanalytischer Sicht häufig als Konflikt des Ich mit dem strengen Über-Ich, welches Gewissen, Gesetze, Nahrungen enthält, gesehen wurde, ist heute eher der Schamaspekt bedeutsam, das Sichschämen wegen des Versagens vor dem eigenen Selbstbild und auch vor dem Fremdbild in der Gesellschaft. Das einer Person zugewiesene Fremdbild, z. B. ein exzellenter Sportler, ein erfolgreicher Unternehmer, ein beliebter Schauspieler zu sein, oder auch, um dies auf Familienniveau herunterzubrechen, ein geliebter Vater oder eine geliebte Mutter zu sein, wenn dieses Fremdbild verloren geht und in Frage gestellt wird, als „Scheitern am eigenen Ich-Ideal“, dann entwickelt sich ein depressives Zustandsbild, bei dem die depressive Herab­gestimmtheit und Freudlosigkeit, die Antriebshemmung und Leistungsunfähigkeit, die Einengung im Denken auf Entwertung der eigenen Person, der eigenen Vergangenheit und Zukunft, auf Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit sowie körperliche Symptome von der Schlaf- bis zur Appetitstörung und sexuellen Störung im Vordergrund stehen.

Gläubige depressive Menschen machen dann häufig die Erfahrung, „Ich fühle mich wie aus der schützenden Hand Gottes gefallen“, das heißt, sie haben den emotionalen Bezug zu Gott, zu ihrem Glauben, das Gefühl des Beschützt-, Geführt-, Aufgefangenwerdens, verloren und viele von ihnen klagen darüber, dass sie nicht mehr beten können, keinen Bezug mehr zu ihrem Gott herstellen und spüren können.
An dieser großen Schnittstelle, wo es um die Furcht vor Herausgefallensein aus dem göttlichen Schutz, aus der eigenen Glaubensheimat, um den Verlust des Gottesbezuges als Person geht, wo sich meistens auch noch die Schuld selbst zugeschrieben wird, ist der große Überschneidungsbereich zwischen Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Theologie. In der Therapie sind hier dann neben den biologischen, den psychologischen und den sozialen Aspekten, wie im bio-psycho-sozialen Modell ableitbar, auch die spirituellen, die theologischen Aspekte angefordert.

Lassen Sie mich zum Abschluss einen Blick in die Bibel werfen ).

Die Klage des Hiob (Hiob 3, 11 – 26) oder die tragische Geschichte um Saul (1. Sam. 18, 10 ff), eine Reihe von Selbsttötungshandlungen, auch im Kontext einer von Depressivität und narzisstischer Verletztheit, wären hier vorzufinden. Lassen Sie mich auf die Geschichte des Propheten Elia eingehen und insbesondere auf Elia am Gottesberg (Elia am Horeb 1. Könige 19, 1 – 4 und folgende bzw. 18).

Lassen Sie mich die Vorgeschichte und die Einbettung des Todeswunsches von Elia am Horeb „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter“ mit meinen eigenen Worten schildern. Es ging um die Zeit, als Ahab König über Israel wurde und „tat, was dem Herrn missfiel, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren“. So diente er Baal und betete ihn an und errichtete auch einen Altar und er machte ein Bild der Aschera, so dass Ahab mehr tat, den Herrn, den Gott Israels, erzürnen, als alle Könige von Israel, die vor ihm gewesen waren. Es geht ihm also um Abfall vom Glauben an Gott und um Götzendienst. Der Prophet Elia sprach, sozusagen zur Strafe, dass es diese Jahre weder zu Tau noch zu Regen kommen solle. 3 Jahre später „das Gottesurteil auf dem Karmel“ kam das Wort des Herrn zu Elia, Gott wolle es regnen lassen auf die Erde und er beauftragte Elia, dies Ahab mitzuteilen. Im Lande herrschte inzwischen große Hungersnot. Elia forderte von König Ahab, dass sich auf dem Berge Karmel die 450 Propheten Baals und 400 Propheten der Aschera, die zum Glauben der Ehefrau von Ahab Isebel gehörten, versammelten. Elia ließ 2 Stiere schlachten und auf einen Altar legen, ohne jedoch vorher anzuzünden. „Welcher Gott nun mit Feuer antworten wird, der ist wahrhaftig Gott.“ (18, 24). Das Volk sollte den Namen Gottes anrufen und diesen Vorgang herbeiführen. Bei den Priestern des Baal ergab sich kein Feuer, Elia ließ über seinen Altar noch Wasser schütten und sprach „Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, lass heute Kund werden, dass du Gott in Israel bist und ich dein Knecht und dass ich das alles nach deinem Wort getan habe. Erhöre mich, Herr erhöre mich, damit dies Volk erkennt, dass du Herr, Gott bist und ihr Herz wieder zu dir kehrst!“. Wie vorausgesagt fiel Feuer herab und fraß das Brandopfer auf. Elia ließ die Propheten des Baals ergreifen, führte sie an einen nahe gelegenen Bach namens Kischon und tötete sie dort.

Man muss sich also vorstellen, dass der Prophet Elia Gott veranlasste, entsprechend seiner Vorstellung zu handeln, er damit das Volk Israel zu seinem Gott zurückführte und er dann über 400 Personen hinrichtete.

Im Kapitel 19 wird dann beschrieben, dass der König Ahab seiner Ehefrau Isebel all das mitteilte, was Elia getan hatte und diese durch einen Boten dem Propheten mitteilen ließ, dass sie ihm umbringen lasse wolle. Der Prophet Elia flüchtete und lief um sein Leben, kam nach Beerscheba in Juda, ging dann in die Wüste alleine, setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach “Es ist genug, so nimm nun, Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter“. Und weiter: „und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: steh auf und iss. Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.“ Er übernachtete dort in einer Höhle und hatte dann eine Vision in welcher der Herr ihn aufforderte aus der Höhle herauszugehen und auf den Berg vor dem Herrn zu treten. „Und siehe, der Herr wird vorübergehen“. Es kam dann ein großer starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, aber der Herr war nicht im Winde. Nach dem Wind kam ein Erdbeben, aber der Herr war nicht im Erdbeben, danach kam ein Feuer aber der Herr war nicht im Feuer. „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen“. Aus diesem stillen, sanften Sausen kam eine Stimme zu ihm und forderte ihn auf er solle wieder seines Weges durch die Wüste nach Damaskus gehen und einen neuen König über Israel salben und Elia zum Propheten als seinen Nachfolger auserwählen.

Was sagt uns nun diese Geschichte des alten Testaments aus dem Buch der Könige aus dem Blickwinkel vom Psychiatrie und Psychotherapie? Zum einen, Elia verbleibt als letzter Prophet des Herrn, was als narzisstische Überhöhung seiner Person verstanden werden kann. Er zwingt Gott, einer von ihm ersonnenen Versuchsanordnung zu gehorchen und ermordet dann oder lässt ermorden etwa 400 Propheten Baals, des Gottes, dem sich in der Trockenheit das Volk Israel inzwischen zugewandt hat. Deutlich wird ein gerade zu überirdische Strenge mit sich und dem Menschen, aber auch eine deutliche Überhöhung der eigenen Person und Wertigkeit. Vermutlich erkennt Elia in der Ankündigung, selbst getötet zu werden, die eigene Überschätzung und zieht sich mit dem Gefühl, es sei alles sowieso vergeblich gewesen in die Wüste zum Sterben zurück. Psychomanisch und psychopathologisch würde man sagen, es handelt sich um eine klassische narzisstische Kränkung mit einer depressiven Symptomatik, die soweit geht, dass Sterbenswünsche auftreten. Gott, in dem Zusammenhang als Über-Ich deutbar, ist mit dem Sterben des Prophet nicht einverstanden, schickt ihm sozusagen als therapeutischen Ansatz zweimal einen Engel, der ihn mit seiner zukünftigen Aufgabe, nämlich einen König zu salben und seinen eigenen Nachfolger zu etablieren, beauftragt. Dass Gott im stillen sanften Sausen für Elia sichtbar wird und nicht in gewalttätigen Stürmen und Feuersbrünsten, mag als Kritik an der gewalttätigen Wiedereinführung des richtigen Glaubens durch den Propheten Elia und mit der Tötung der anderen Diener Baals verstanden werden. Elia darf nun den neuen König Israels und seinen eigenen Nachfolger salben. Ob dieses Ende nun eine antidepressive, antisuizidale Maßnahme oder als Verabschiedung eines Mitarbeiters, der vielleicht die Dinge nicht so gestaltet hat, wie es sich vorgestellt wurde, zu verstehen ist, muss offen bleiben. In typisch depressiver Weise hat Elia einen riesengroßen Anspruch vor sich hergetragen, Israel für seinen Herrn zurückzugewinnen, hat dieses Ziel erreicht, ist dann aber selbst persönlich bedroht worden und ist vor dieser Bedrohung geflüchtet in die Wüste, was gerne mit Depression/Melancholie gleichgesetzt werden kann. Aus dieser Depression wird er gerettet, sogar zweimal kommt ein Engel, was man als therapeutische Maßnahme verstehen kann, dann aber wird die Geschichte um Elia abgeschlossen. Er salbt noch den neuen König und sucht seinen Nachfolger auf.

Lassen sie mich nun einen Abschluss finden.

In der Bibel finden wir zahlreiche Beispiele für ein Krankheitsbild, dass die Menschheit wohl seit Beginn der Menschheit begleitet und dass wir mit verschiedenen Namen im Laufe der Menschheitsgeschichte benannt haben, was wir heute als Depression oder Depressivität bezeichnen. Hinsichtlich der Verursachung hat dieses Krankheitsbild wie viele andere Störungen in der Menschheitsgeschichte Paradigmenwechsel erfahren, so zum Beispiel von der Vier-Säfte-Lehre hin zum selbstverschuldeten Überfluss, der Akedia, zur psychischen Erkrankung als Folge unkontrollierter Leidenschaften bis hin zu einem heutigen biopsychosozialen Modell von Depressivität, welches psychische Störungen als Ausdruck einer biologischen hirnorganischen Störung, als Ergebnis einer biografischen Entwicklung, unter Einfluss der jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen versteht und dabei auch in die subjektive Glaubensentwicklung im Sinne von „Person“ einbezieht.

Depressive Erkrankungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen, welche die Menschheit derzeit kennt. Sie sind andererseits Erkrankungen, bei denen wir über eine Reihe von Behandlungs­möglichkeiten verfügen, wobei der biologischen, der psychologischen und sozialen auch eine spirituelle Komponente zugewiesen werden muss.